Blood & Silver – Der Ruf des Silberfuchses
BONUSKAPITEL
Liebe Leserin, lieber Leser,
Richard Winter, James’ Bruder, hat zwar keinen eigenen POV bekommen, ist aber dennoch eine wichtige Figur. Du möchtest einen Blick in Richards Herz erhaschen und aus seiner Perspektive lesen, nachdem er den kranken James in Kapitel 21 besucht hat?
Dann lies mein Bonuskapitel zu Teil 1 von Blood and Silver (ohne große Spoiler).
Lass mich dir vorab verraten, dass die Beerdigung aus diesem Kapitel genauso bei meiner eigenen Oma gewesen ist. Es hat mich damals so berührt, dass ich es in Blood and Silver einfügen und verewigen wollte. Denn das ist ein großes Thema in diesem Buch – wie wir mit der Ewigkeit und dem Andenken an unsere Liebsten umgehen.
Deine Nadine
***
„Richard“
Am frühen Abend
High Street, Lyndhurst
Richard musste aus diesem Haus raus, und zwar schnell, bevor er seine Fassung verlor, die er so kultiviert hatte. Rebecca war tot, das wusste er nur zu gut, weil er ihren Körper eigenhändig unter der Kutsche hervorgezogen und sie nach Hause gebracht hatte, während sein Bruder wie von Sinnen geschrien hatte. Sie hatten sie dort draußen im New Forest verloren, nur James hatten sie retten können, und selbst das hatte die übrige Familie viel Kraft gekostet. Unweigerlich musste Richard an Rebeccas Beerdigung denken. Irgendwann war er vielleicht dazu in der Lage, seinem Bruder davon zu erzählen. Aber immer, wenn er es sich vornahm, überkam ihn dieses leere Gefühl, das alle Worte auslöschte und ihn aufzufressen drohte, so wie es scheinbar auch James auffraß, Stück für Stück.
Richard ging die ganze High Street rauf und rammte dabei seine Füße förmlich in die Straße, vorbei am Fox & Hounds und am Crown Hotel, bis rauf zur St. Michael‘s Church, die auf einem grünen Hügel thronte, umgeben und gestützt von einer niedrigen Mauer.
Die Gaslaternen schickten Schatten um die Häuser und die Passanten. Richard achtete nicht auf die grüßenden Geschäftsleute und die netten Damen, die noch späte Besorgungen erledigten. Er lief weiter bis zu dem schwarzen Eisentor mit dem schön geschwungenen Bogen, das die Besucher am Fuße des Kirchhügels freundlich empfangen sollte. Auf dem Kirchengelände war der Friedhof. Richard blieb stehen und ging nicht hinein. Stattdessen legte er seine Hände auf das kalte Metall des Tors. Diesen Tag vor über zwei Jahren würde er nie vergessen.
An diesem schwarzen Tag, als alle Uhren still standen und alle Fenster verhängt wurden, hatte Richard das Gefühl gehabt, zu fallen, in die schwarze Grube, die sie aus der Erde ausgehoben hatten, gut siebzig Zoll tief, achtundsiebzig Zoll lang und so breit wie eine Armeslänge. Mit einem scharfen Spaten abgestochene, gerade Wände, die nur darauf warteten, zuzustürzen und den lackschwarzen Sarg mit den Silberbeschlägen zu begraben. Zugeschüttet und begraben mit Erdklumpen, Grasbüscheln, kleinen Steinen, Regenwürmern und Tausendfüßlern. Dunkel und kalt, aber niemals mehr hell und lebensfroh. Kein Lachen, kein Gesang und kein Wind in den Haaren. Nur noch Erde und Morast.
Das dreckige Grab war für seine schöne Schwester. Ihr Körper wurde nun von einem Sarg geschützt, für eine Weile, bis auch das Holz zu Erde und Morast werden würde.
»Erde zu Erde. Asche zu Asche. Staub zu Staub«, hatte Pfarrer Wolesley gesprochen.
In Richards Magen machte sich Übelkeit breit, von all der Erde und Asche. Der Pfarrer hatte andächtig die Handflächen gehoben, dorthin, wo er seinen Herrn und Schöpfer vermutete, wo er glaubte, dass der ewige Horizont für ihrer aller Seelen sein musste. Sein Talar wogte in gleichmäßigen Falten wie das Gefieder einer Krähe.
»Der Herr im Himmel lässt sein Angesicht über uns leuchten und wacht über uns. Er holt uns zu sich, auf dass wir ewig in seiner Güte weiterleben. Er ist die Auferstehung und das Leben. Darum lasst uns beten.«
»Ich wünschte …«, flehte Richard ins stumme Grab, brachte aber keinen Ton heraus. Er dachte an seinen Bruder, der im Haus hinter zugezogenen Vorhängen lag, benebelt in seinem Bett. James würde das hier niemals durchstehen können. Ohne Rebecca.
»Vater unser im Himmel,
geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe,
wie im Himmel, so auf Erden.«
In diesem Moment hörte Richard es von fern immer näher kommen. Und er sah es kommen, an dem seelenlosen grauen Horizont.
»Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld,
wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.«
Ein quakendes Rufen zog zu ihnen und wurde immer lauter. Zahlreiche feine schwarze Linien in V-Form zeichneten sich gegen das Grau ab und flogen auf den Friedhof zu.
»Und führe uns nicht in Versuchung,
sondern erlöse uns von dem Bösen.«
Die Wildgänse kamen. In mehreren Formationen.
Sie flogen tief und sie quäkten, was das Zeug hielt, genau über das Grab hinweg.
Pfarrer Wolesley gab sein Bestes, um dagegen anzubeten.
»Denn dein ist das Reich
und die Kraft und die Herrlichkeit!«
Ja, es war herrlich. Richard schaute weg vom Pfarrer, weg von seinem Vater und den anderen schwarzen Gästen, die in das Erdloch mit dem Sarg darin starrten.
Er hob den Kopf immer höher zum Himmel, zu den diszipliniert flatternden Schwingen der Gänse, während alle anderen zu ihren traurigen Füßen beteten. Aber die Wildgänse übertönten die Worte des Pfarrers vielstimmig. Es war so laut, dass kaum noch jemand an das Gebet dachte oder mitsprechen konnte.
Die Wildgänse sprachen das Gebet.
Richards Mund öffnete sich und fast hätte er lauthals gelacht. Seine frohen Gedanken behielt er jedoch für sich – Die Wildgänse nehmen Rebecca mit. Sie lassen sie an ihrer Spitze fliegen. Das hätte ihr gefallen.
»In Ewigkeit. Amen«, schloss Pfarrer Wolesley etwas außer Atem.
Richard hatte den Gänsen lange hinterhergeschaut, ehrfürchtig und dankbar, bis ihn jemand am Ärmel zog. Es war Zeit zu gehen, Zeit für die Ewigkeit.
»Richard«, sagte jemand sanft, aber das Zupfen an seinem Ärmel wurde stärker.
Er fuhr herum, seine Gedanken kämpften sich zurück ins Hier und Jetzt. Die Anspannung, die ihn ergriffen hatte, fiel von ihm ab, als er in die Augen seiner Sekretärin, Gillian Harewood, sah.
»Was machst du hier?«, fragte Richard. Dabei hatte er ihre Anwesenheit neben sich schon eine Weile gespürt.
»Es zieht dich oft hierher, wenn du aufgebracht bist.«
»Woher willst du wissen, dass ich aufgebracht bin?«
»Man muss nur deinen großen, ungestümen Spuren folgen«, sagte Gillian und lächelte.
Verflucht, sie lächelte ihn mal wieder so offenherzig an, dass es sein Herz ebenfalls öffnete, nur seinen Mund nicht.
»Wenn Richard Winter die High Street hochstürmt, ohne Mr Dockers oder Mrs Plum zu grüßen, nachdem er bei seinem Vater und seinem Bruder war, dann dauert es nicht lange, dass ich davon erfahre. Außerdem leuchten deine weißen Haare meilenweit im Licht der Laternen«, fuhr sie fort.
»Hm«, machte er nur und straffte seinen Rücken. Was hatte sie gerade gesagt? Es war ihm egal, solange er weiter ihrer lebensfrohen Stimme lauschen konnte.
»Ach, jetzt schau nicht so. Ich war eben bei deinem Vater und James. Wir haben uns nur kurz verpasst. James geht es besser. Nadira hat sich auch wieder abgeregt. Das ist doch gut, oder?« Gillian ließ seinen Ärmel los.
Richard sah zuerst auf seinen Ärmel, wo ihre kleine Hand gewesen war, und er fühlte der Wärme nach, die sie durch seine Jacke geschickt hatte. Dann riss er sich von Gillians Anblick los, um wieder zum Friedhof zu schauen, der bereits in der Abenddämmerung versank.
»Ja, das ist gut«, sagte er nachdenklich.
»Also, großer Mann. Was treibt dich dann hierher?«, fragte sie dicht neben ihm.
»Rebeccas Grab.«
»Natürlich, ich weiß. Aber warum gehst du nicht hin?«
»Ich weiß nicht.« Richard sah über Gillian hinweg.
Warum war das nur so schwer?
Ja, er war der ‚große Mann’ und mochte es, wenn Gillie ihn so nannte. Er war der große und erfolgreiche und zum Teil gefürchtete Geschäftsmann in Hampshire und wirklich niemand traute sich, ihm zu nahe zu treten oder an seinem Selbstbewusstsein zu zweifeln. Warum also fiel er in sich zusammen wie ein Hefeteig, wenn Gillie so vor ihm stand und ihn einfach nur anlächelte wie die Morgensonne? In diesen Momenten bereute er es, sie als seine Sekretärin eingestellt zu haben, als sie damals wie einer dieser Blaustrümpfe vor seiner Bürotür gestanden hatte und um eine Festanstellung gebeten hatte.
»Soll ich dich zum Grab begleiten?«, sagte sie und streckte ihre Hand wieder nach ihm aus. Doch Richard blieb stehen und reckte nur seine Brust etwas mehr heraus.
»James hat gesagt, er hätte mit Rebecca gesprochen«, gestand er mit rauer Stimme.
»Oh. Und jetzt wolltest du nachsehen, ob sie auch wirklich tot ist?«
Richard fuhr innerlich zusammen, bevor er sich beherrschen musste, nicht vor Gillian aufzubrausen.
»Ob sie wirklich tot ist?! So ein Unsinn. Natürlich ist sie tot. Wer weiß das nicht besser als ich?« Er rieb sich über sein Gesicht und atmete ein paar Mal kräftig durch.
Er war etwas erhitzt, aber endlich spürte er wieder seine Beine und den Rest seines Körpers. Normalerweise wurde ihm kalt, wenn die Sonne untergegangen war und sich sein Körper auf die nächtliche Unsterblichkeit umstellte, wie eine Uhr, die im ewigen Eis am Nordpol langsamer tickte. Richards Haut wurde dann kühler und das Klopfen seines Herzens beruhigte sich, dafür zog die Kraft der Halbsterblichkeit stahlhart in ihn ein. Das empfand er immer wieder als unheimlich, obwohl er schon so viele Jahre halbsterblich war.
Aber wenn Gillie so nah bei ihm stand und ihn musterte, schmolz jedes eisige Gefühl, und es rauschte stattdessen ein hitziger Sturzbach durch seine Adern.
»Na also, da bist du ja wieder, Rich«, sagte sie liebevoll. »Willkommen zurück.«
Er schüttelte seine angespannten Hände aus und sein Blick wurde etwas klarer.
»Entschuldige«, murmelte er und versuchte sich zu sammeln. »Ich muss noch mal ins Geschäft. Die neue Lieferung mit Harry absprechen, bevor er auch Feierabend macht.«
»Wir sind doch Freunde, oder?«, unterbrach ihn Gillian.
»Ja, ich habe mich doch entschuldigt«, sagte er und hob abwehrend die Arme.
Verflucht. Natürlich waren sie Freunde. Nur verdammte Freunde. Warum musste Gillian ihn stets daran erinnern?
Aber was waren sie eigentlich letzte Woche gewesen, als sie mal wieder keine Freunde gewesen waren und die Nacht zusammen in seinem Bett verbracht hatten? Das schlechte Gewissen würde ihn noch umbringen. Erstens war er ihr Arbeitgeber und zweitens viel älter als sie und er würde sie vermutlich trotzdem überleben, wenngleich sie jetzt so voller überbordender Frische und Freiheit war, dass es ihm wehtat, sie es aber mit aller Strenge ihm gegenüber verteidigte. Es störte sie nicht, was Richard war. Im Gegenteil, sie half ihm, das zu sein, was er jetzt war – ein Mann, der nachts unsterblich war und tagsüber ein wohlgeachtetes Mitglied der normalen Gesellschaft. Dennoch schwitzte er jetzt unter seiner Tweedmütze wie ein Tagelöhner.
Gillian schürzte ihre Lippen und tippte auch noch mit ihrem Zeigefinger auf seine Brust, dorthin, wo sein unsterbliches Herz ihr entgegen klopfte. Dabei schaute sie zu ihm auf, durch die runden Gläser ihrer Sekretärinnenbrille, die sie meist an einer feinen Kette um den Hals trug. Gillian war von so kleiner Statur, dass Richard sein Kinn von oben auf ihren lockige Haarschopf legen konnte. Oder sie eilig hinter dem Vorhang in seinem Büro verstecken, wenn sein Assistent unerwartet das Zimmer betrat, wegen einer lästigen Unterschrift, obwohl Richard doch gerade anderweitig mit seinen Händen beschäftigt gewesen war. Oder sie mühelos auf die Arme nehmen und die Treppe zum Schlafzimmer hochtragen.
»Erzähl schon. Was hat es mit dieser Sache auf sich? James redet mit Rebecca? Ist also doch nicht alles gut oder gar schlimmer geworden?«, sagte Gillian und schob mit dem anderen Zeigefinger ihre kleine Brille auf der Nase zurecht. Eine unwiderstehliche Geste, die Richard sagte, dass er gefälligst zu antworten hatte. Wenn sie die Brille gar abnahm, wäre er verloren.
Richard räusperte sich. Er vermied es, Gillies Hand zu berühren und von seiner Brust zu nehmen, schließlich musste er heute noch eine Menge im Büro abarbeiten, nachdem ihn sein Bruder die letzten zwei Tage einige Ablenkung und eine Menge Nerven gekostet hatte. Warum musste James auch so schwierig sein? Richard vermutete stark, dass James mit seiner Zwillingsschwester noch etwas anderes verloren hatte, etwas Elementares, von dem Richard nicht wusste, wie er es wiederbeschaffen könnte. Normalerweise konnte er alles beschaffen, jede noch so seltene Ware oder Kostbarkeit. Manche Leute sagten, dass Zwillinge besondere Geschöpfe waren – eine ganz besondere Laune der Natur –, ihr Geschwisterband war stark. So stark, dass Richard sich manchmal in der Nähe von Rebecca und James einsam gefühlt hatte. Einsam war er jetzt auch, weil er der große Bruder war, den James ablehnte. Also blieb ihm nur die Rolle des Geschäftsmannes, den alle liebten und fürchteten, das war beherrschbar.
Langsam und geschickt drückte sich Richard an Gillian vorbei und machte sich wieder auf den Weg die Straße runter, zurück zu Winter & Brooks, seinem Geschäfts- und Wohnhaus. Seinen Arm bot er Gillie nicht an. Obwohl er sich schon oft gefragt hatte, wie es sich anfühlen würde, so mit ihr durch die Straßen zu gehen. Wie ein Gentleman und seine geachtete Lady. Aber sie würde es ohnehin ablehnen, weil es ihre ‚weibliche Autorität‘ untergrub, wie sie es nannte. Und er war froh darüber, weil es in der Öffentlichkeit nicht so aussehen sollte, als hätten sie ein unziemliches Verhältnis und nicht nur ein Arbeitsverhältnis miteinander. Ihrer beider Ruf musste gewahrt werden.
Richard achtete auf eine kürzere Schrittlänge, weil Gillian ihm folgte. Schnell hatte er mit ihr zu einem angenehmen Gleichschritt gefunden. Mit seiner Gillian. In diesen Momenten stellte er sich vor, dass sie irgendwann ganz die Seine sein würde und er auch sein übriges Leben im Gleichtakt mit ihr verbringen könnte. Jetzt schlenderte sie mit einem mehr als zufriedenen, aber aufmerksamen Gesichtsausdruck neben ihm her, während er ihr von James berichtete.
Gillian hatte überwiegend zugehört. Das konnte sie hervorragend. Deswegen hatte er sie damals eingestellt. Er mochte keine überspannten Plaudertaschen.
Als sie vor seinem Geschäftshaus angekommen waren, räusperte sich Richard erneut, um zu seinem gewohnten geschäftsmäßigen Ton zurückzufinden.
»Ich möchte übrigens so schnell wie möglich einen Gesprächstermin mit diesem Mr Butterman ausmachen. Würden Sie sich bitte darum kümmern, Miss Harewood?«
Gillian kniff die Augen leicht zusammen, bevor sie antwortete. Eine sanfte Warnung.
»Natürlich, Mr Winter, wie Sie wünschen. Sie meinen den neuen Wirt im Fox & Hounds?«
»Ja, wir sind uns noch nicht vorgestellt worden.«
»Soll ich zu dem Gespräch etwas vorbereiten?«
»Ich denke, ich werde mit ihm seine Warenbestellungen bei uns durchgehen.«
»Hat er diese nicht vom Vorbesitzer übernommen?«
»Doch, aber es kann nicht schaden, sich einmal persönlich miteinander zu befassen, wenn ein neuer Geschäftsinhaber in der Stadt sesshaft wird. Oder sind Sie anderer Meinung, Miss Harewood?«
Wieder erntete er die zusammengekniffenen Augen als Warnung, dass er es nicht zu weit trieb mit seiner Mauer aus Höflichkeit, die er vor sich auftürmte. Dass es eine Schutzmauer vor ihr war, musste Gillian ja nicht wissen.
»Ich denke, dass Sie Mr Butterman auf den Zahn fühlen wollen, weil er ein gewisses neues Schankmädchen eingestellt hat.« Sie schob ihre Brille hoch.
Richard verlagerte sein Gewicht von einem auf das andere Bein.
»So? Warum sollte mich ein Schankmädchen interessieren?« Er sah über Gillian hinweg und grüßte einen vorbeigehenden Kunden. Wenn er hier noch länger vor seinem Laden mit seiner Sekretärin in ein Gespräch vertieft gesehen wurde, könnte es als unpassend angesehen werden, denn Gentlemen unterhielten sich nicht auf der Straße stehend mit einer Frau. Und in diesem kleinen Ort würde sich so etwas wie ein Lauffeuer verbreiten. Außerdem war das Fox & Hounds in Sichtweite.
»Weil ihr Winter-Männer euch um alles schert, was in eure Familie kommt«, sagte sie.
»Sie haben einen scharfen Verstand. Dann dürfte Ihnen ja die Bedeutung des Termins mit Mr Butterman nun klar sein.«
»Glasklar. Kann ich sonst noch etwas für Sie tun, Sir?« Sie lächelte und nahm ihre Brille ab.
Das war zu viel. Himmel und Hölle! Sie sah dabei bezaubernd aus und sie wusste das. Noch bezaubernder sah sie aus, wenn sie Richard in seinem Schlafzimmer mit Sir ansprach und ihn ganz unschuldig, aber dennoch selbstbewusst, gewähren ließ, sie auszukleiden, so schnell oder langsam wie es ihm beliebte. Sie gab ihm das Gefühl, dass sie ihm voll und ganz ergeben war und ohne Einschränkung seinen sinnlichen Wünschen nachkommen würde. Dabei war es wohl in Wahrheit andersherum und Gillian beherrschte ihn mit ihren kupferfarbenen Locken, in die nur er seine Hände vergraben durfte, und mit ihrer zuckersüßen Weiblichkeit, wenn sie ihm erlaubte, davon zu kosten. Richard leckte sich die Lippen. Sein Mund war ganz trocken geworden bei dem Gedanken und seine Mauer aus Anständigkeit war längst eingestürzt.
Seine Mundwinkel zuckten kurz, bevor er sich zu Gillian runterbeugte und ihr ins Ohr raunte: »Um halb zehn am Hinterausgang, Miss Harewood. Bis dahin wünsche ich Ihnen einen angenehmen Feierabend. Der andere Termin hat Zeit bis morgen.«
Gillian nickte schmunzelnd.
Schnell tippte er zum Gruß an seine Mütze und neigte dabei den Kopf, als würde er sich vor einem Regenguss schützen.
Er eilte in sein Geschäftshaus, ein großes Eckhaus aus rotem Backstein, das an einer der größeren Kreuzungen im Ort stand. Er bewohnte die ganze obere Etage und würde dort bis halb zehn wie ein Löwe im Käfig auf und ab wandern. So lange, bis seine Löwin zu ihm kam.